Musikverein Flügelrad Stuttgart e.V.

seit 1920



Geschichte des Vereins

(mit Auszügen aus der, anlässlich des 75 jährigen Vereinsjubiläum 1995 erstellten, Chronik von Hermann Gökeler)

Die besondere Verbindung des Musikvereins Flügelrad Stuttgart (kurz MVF) zur Eisenbahn ist bereits im Vereinsnamen sichtbar. Das "Flügelrad" ist das Symbol der Eisenbahn. Es steht für Geschwindigkeit, die vor allem in den Anfangsjahren der Züge herausragend ist. Noch heute ist das "Flügelrad" als traditionelles und allgemeines Symbol im Schienenverkehr weltweit verbreitet. Wie kommt es, dass ein Musikverein aus Stuttgart sich nach diesem Symbol benennt?

1920er Jahre - Die Gründerzeit des MVF

Gegründet wird der Musikverein Flügelrad im Jahr 1920 in Stuttgart auf der "Prag". Als "die Prag" wird der Höhenrücken nördlich der Innenstadt zwischen dem Höhenpark Killesberg und dem Rosensteinpark bezeichnet. Im Westen an Nordbahnhof und Pragfriedhof grenzend, gehört "die Prag" zum Stadtbezirk Stuttgart-Nord. Dieser Stadtteil entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen, weil für die Vielzahl der Beschäftigten, die beim Bau der "Centralbahn Esslingen - Stuttgart - Ludwigsburg" und des Wagenladungsbahnhofs, der zwischen heutiger Heilbronner Straße und Nordbahnhofstraße entsteht, involviert sind, Wohnraum benötigt wird. So wachsen im Jahr 1869 erst das "Postdörfle" und etwa 25 Jahre später das "Eisenbahnerdörfle" städtebaulich in die Höhe.

Belegt ist die Entstehung der Siedlungen durch ein Zitat von Eduard von Pfeiffer, Ehrenbürger Stuttgarts und Unterstützer des Wohnungsbaus, anno 1906:

"Im Norden der Stadt, auf der Prag, an der Ludwigsburger Straße (heute Nordbahnhofstraße), wurde ein Bauareal von 948a eingekauft; im Jahre 1894 wurde mit dessen Überbauung begonnen und seit dieser Zeit nach einem bestimmten Plane fortgesetzt. Die ganze Anlage wird in 11 Häuserblocks abgeteilt und bietet Raum für 120 Häuser mit über 800 Wohnungen. Bis heute ist etwa die Hälfte der Anlage vollendet. In 55 Häusern haben 402 Familien ein allen Anforderungen entsprechendes Unterkommen gefunden. Außerdem wird in der Kolonie eine Badeanstalt und eine Kleinkinderpflege erstellt. Die Badeanstalt enthält Einzelkabinette, ein kleines Schwimmbassin mit Auskleidezellen und Brausekabinette."

Gründung des Musikverein Flügelrad im Jahr 1920

Die Gründungsmitglieder des Musikverein Flügelrad Stuttgart kommen in den Jahren der Weimarer Republik aus größtenteils ländlichen Gebieten in diesem neu entstehenden Stadtteil in Stuttgart zusammen. Sie alle eint die Arbeit bei der damaligen Deutschen Reichsbahn, einem Vorläufer der heutigen Deutschen Bahn. Mit ihren Familien ziehen sie in die entstehende Kolonie - so die amtliche Bezeichnung - im unteren Block der Rosensteinstraße und finden hier ihr neues Lebensumfeld.


Die Vereinsgründung des Musikvereins Flügelrad Stuttgart fällt historisch in eine innenpolitisch äußerst unruhige Zeit. Deutschland ist nach dem verlorenen 1. Weltkrieg wirtschaftlich am Boden und politisch zerrissen. Die Motivation der Gründungsmusiker, das gemeinsam gepflegte Hobby des Musizierens durch eine Vereinsgründung zu untermauern, ist auch aus heutiger Sicht sehr gut nachvollziehbar: Es ist der Wunsch, sich an ihrem neuen beruflichen Lebensmittelpunkt in Form des Vereins auch privat einen Platz zu geben, an dem man sich kennenlernt, austauscht und wo sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt bzw. über die Mitgliedschaft auch ausdrückt.

Der 1920 gegründete Musikverein Flügelrad gibt seinen Mitgliedern in den unsteten 1920er Jahren, was ihnen in ihrem neuen Lebensumfeld Stuttgart zunächst fehlt: Kontinuität und das Gefühl sozialer Zugehörigkeit zu einer verlässlichen Gemeinschaft - kurz der Musikverein wird ein Ort, an dem sie sich zu Hause fühlen.

So ist es ist nicht überraschend, dass der Musikverein in dieser, 1920 außerhalb der Stadt isoliert liegenden Siedlung, rasch Zulauf findet. Die "Prag" gilt daher bis heute örtlich als ursprüngliche Heimat des Musikvereins Flügelrad. Bis in die Gegenwart ist der Verein diesem Stadtteil sehr verbunden. Viele unserer fördernden Mitglieder und Freunde leben heute noch "auf der Prag" und auch einige unserer aktiven Musiker haben über die Generationen in Stuttgart-Nord ihre familiären Wurzeln.

Es ist wahrscheinlich eher ein Zufall, aber durchaus ein bemerkenswerter, dass der Musikverein Flügelrad Stuttgart in der oben erwähnten zentralen Badeanstalt mit den Einzelkabinetten auch aktuell seinen Materialraum hat.

Trotz widriger politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse folgt das Vereinsleben dem Zeitgeist der 1920er Jahre und entwickelt sich in den Gründerjahren rege. Einen Grund zu feiern und damit zur Zerstreuung findet sich - so beispielsweise bereits 1925, als das fünfjährige Bestehen Anlass für ein erstes Vereinsfest gibt.

Es folgt 1926 die Fahnenweihe der von den Damen der Mitglieder gestifteten Fahne, welche den Trompeter von Säckingen zeigt. Sie wird 1979 restauriert und ist mit ihren prachtvollen Stickereien zu einem unersetzlichen Stück Vereins- und Lokalgeschichte geworden.

Ein erster Höhepunkt im Vereinsgeschehen ist 1927 eine Reise nach Graz zum dortigen Eisenbahner-Musikverein. Zwei Jahre darauf kommt die Kapelle aus Graz 1929 zu einem Gegenbesuch nach Stuttgart. 1928 ist die Kapelle des Musikvereins Flügelrad Stuttgart das erstes Blasorchester, das über Radio Stuttgart (heute SWR) spielt.

Das aus dieser Zeit erhaltene Kassenbuch des Vereins spiegelt ein normales Geschehen über etwa zehn Jahre wider, obwohl sich in dieser Zeit erneut tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen anbahnen. So treten 1933 die ersten Gesetze in Kraft, die viele Vereine "gleichschalteten", d.h. in NSDAP-Organisationen überführen. Dass dies beim Musikverein Flügelrad Stuttgart nicht der Fall ist, liegt vielleicht an der Nähe zur Eisenbahn und damit zum Staat? Bis 1939 wird in den Unterlagen noch von vielen Aktivitäten des Vereins berichtet, was sich aber in den Kriegsjahren drastisch ändert. Viele Musiker werden zum Militärdienst, bzw. zum Kriegsdienst bei der Eisenbahn eingezogen und ab 1940 gibt es keine Probearbeit mehr im Musikverein Flügelrad. Bei einem Fliegerangriff auf Stuttgart in der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 1944 verbrennt die Vereinskasse samt Inhalt.

In den letzten Kriegsjahren schafft Franz Götz - späterer Ehrenvorstand - gemeinsam mit Fritz Jenner, dem Wirt der Gaststätte "Prager Hof" (heute "Memories") die Voraussetzung dafür, dass dem Musikverein Flügelrad der Neuanfang nach Kriegsende möglich wird. Beide Männer nehmen die Gefahr auf sich und verstecken klammheimlich die wertvollen Instrumente und die Vereinsfahne in Wernau so gut, dass diese den Besatzungstruppen bei Kriegsende nicht als Souvenir in die Hände fallen. Die Vereinsannalen verzeichnen am 16.02.1948 als einen der letzten Posten der Reichsmark-Zeit "Auslagen für Transport der Instrumente von Wernau" mit RM 15,--.